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Verblendung
Roman. Ausgezeichnet mit dem Skandinavischen Krimipreis 2005 und dem Galaxy British Book Award, Kategorie Crime Thriller of the Year 2009
Eine Familiengeschichte, die einen nicht mehr loslässtWas geschah mit Harriet Vanger? Während eines Familientreffens spurlos verschwunden, bleibt ihr Schicksal jahrzehntelang ungeklärt. Bis der Journalist Mikael Blomkvist und die Ermittlerin Lisbeth Salander recherchieren. Was sie zutage fördern, lässt alle Beteiligten wünschen, sie hätten sich nie mit diesem Fall beschäftigt.An seinem 82. Geburtstag erhält der einflussreiche Industrielle Henrik Vanger per Post anonym ein Geschenk. Das Paket enthält eine gepresste Blüte hinter Glas, genau wie in den 43 Jahren zuvor. Vangers Lieblingsnichte Harriet hatte ihm 1958 zum ersten Mal dieses Geschenk gemacht, doch dann verschwand sie spurlos. Ihr Leichnam wurde nie gefunden.In einer letzten Anstrengung beschließt Vanger herauszufinden, was dem geliebten Mädchen tatsächlich zustieß. Er engagiert den Journalisten Mikael Blomkvist, der, getarnt als Biograf, bald auf erste Spuren stößt. Unterstützt wird er von der jungen Ermittlerin Lisbeth Salander, einem virtuosen Computergenie mit messerscharfem Verstand. Je tiefer Blomkvist und Salander in der Vangerschen Familiengeschichte graben, desto grauenvoller sind ihre Enthüllungen.Ausgezeichnet mit dem skandinavischen Krimipreis."Wenn Sie dieses Buch anfangen zu lesen, werden Sie sich wünschen, den ersten Schritt nie getan zu haben. Um Sie herum wird es dunkel und Sie sind nur noch in der Geschichte drin."Bild am Sonntag"Ein Thriller mit sehr hohem Suchtfaktor."Bild am Sonntag"Vielschichtige Protagonisten und eine furchtbare Wahrheit verdichten sich zu einem packenden Page-Turner."Der Standard
Leseprobe
Prolog Freitag, 1. November Es wiederholte sich alljährlich. Der Empfänger der Blume feierte seinen zweiundachtzigsten Geburtstag. Sowie die Blume bei ihm angekommen war, öffnete er das Paket und entfernte das Geschenkpapier. Danach griff er zum Telefonhörer und wählte die Nummer eines ehemaligen Kriminalkommissars, der sich nach seiner Pensionierung am Siljan-See niedergelassen hatte. Die beiden Männer waren nicht nur gleich alt, sie waren sogar am selben Tag geboren, was in diesem Zusammenhang nicht einer gewissen Ironie entbehrte. Der Kommissar wusste, dass der Anruf um elf Uhr morgens nach der Postzustellung eingehen würde, und trank Kaffee, während er wartete. Dieses Jahr klingelte das Telefon bereits um halb elf. Er nahm den Hörer ab und sagte hallo, ohne sich mit Namen zu melden. »Sie ist angekommen.« »Was für eine ist es dieses Jahr?« »Keine Ahnung, was das für eine Blume ist. Ich werde sie bestimmen lassen. Weiß ist sie.« »Kein Brief, nehme ich mal an?« »Nein. Nur die Blume, sonst nichts. Der Rahmen ist derselbe wie letztes Jahr. So ein Billigrahmen zum Selberzusammenbauen.« »Poststempel?« »Stockholm.« »Handschrift?« »Wie immer, alles in Großbuchstaben. Gerade, ordentliche Buchstaben.« Damit war das Thema erschöpft, und ein paar Minuten saßen die beiden schweigend am jeweiligen Ende der Leitung. Der pensionierte Kommissar lehnte sich am Küchentisch zurück und zog an seiner Pfeife. Er wusste jedoch, dass von ihm keine erlösende oder bestechend intelligente Frage mehr erwartet wurde, die ein neues Licht auf diese Angelegenheit hätte werfen können. Diese Zeiten waren seit vielen Jahren vorbei, und das Gespräch der beiden alternden Männer hatte beinahe schon den Charakter eines Rituals ? eines Rituals um ein Mysterium, dessen Lösung keinen anderen Menschen auf der ganzen Welt interessierte. Ihr lateinischer Name lautete Leptosperum (Myrtyceae) Rubinette. Ein wenig imposantes Strauchgewächs mit kleinen, heidekrautähnlichen Blättern und einer zwei Zentimeter großen weißen Blüte mit fünf Kronenblättern. Sie war ungefähr zwölf Zentimeter hoch. Das Gewächs stammte ursprünglich aus den australischen Busch- und Gebirgsgegenden, wo es in kräftigen Büscheln wuchs. In Australien nannte man es desert snow. Später sollte eine Expertin von einem botanischen Garten in Uppsala feststellen, dass es sich um eine ungewöhnliche Pflanze handelte, die nur selten in Schweden gezogen wurde. In ihrem Gutachten schrieb die Botanikerin, dass die Rubinette mit der Rosenmyrte verwandt war und oft mit ihrer viel häufiger auftretenden Cousine, Leptospermum Scoparium, verwechselt wurde, die in Neuseeland sehr verbreitet war. Wie sie erklärte, bestand der Unterschied darin, dass die Rubinette ein paar mikroskopisch kleine rosa Punkte an der Spitze der Kronenblätter aufwies, was ihnen einen leichten Rosaschimmer verlieh. Die Rubinette war im Großen und Ganzen eine verblüffend anspruchslose Blume. Wirtschaftlichen Wert hatte sie überhaupt nicht. Soviel man wusste, besaß sie keine Heilkräfte und enthielt auch keine halluzinogenen Substanzen. Man konnte sie weder essen noch als Gewürz verwenden, und für die Erzeugung pflanzlicher Farbstoffe war sie ebenfalls wertlos. Für die australischen Ureinwohner, die Aborigines, hatte sie hingegen eine gewisse Bedeutung, da diese das Gebiet und die Flora rund um den Ayers Rock traditionell als heilig betrachteten. Der einzige Daseinszweck dieser Blume schien also darin zu bestehen, ihre Umgebung mit ihrer unbeständigen Schönheit zu erfreuen. In ihrem Gutachten schrieb die Botanikerin, dass der desert snow in Australien schon ungewöhnlich war, in Skandinavien aber geradezu eine Rarität. Sie selbst hatte noch nie ein Exemplar zu Gesicht bekommen, doch als sie Kollegen zurate zog, erfuhr sie, dass man versucht hatte, diese Pflanze in einem Garten in Göteborg einzuführen, und dass es denkbar war, dass sie hie und da privat angepflanzt wurde, von Blumenliebhabern und Amateurbotanikern in ihren eigenen kleinen Gewächshäusern. Die Blume war in Schweden nur schwer zu ziehen, weil sie ein mildes und trockenes Klima benötigte und während des Winterhalbjahres in einem geschlossenen Raum stehen musste. Für kalkhaltigen Boden war sie ungeeignet. Das Wasser musste ihr von unten her zugeführt werden, direkt an die Wurzeln. Man musste schon ein Händchen für sie haben. Dass diese Blume in Schweden derart selten war, hätte die Suche nach ihrer Herkunft theoretisch erleichtern müssen, aber praktisch gesehen war das eine unlösbare Aufgabe. Man konnte weder in Registern nachschlagen noch Lizenzen überprüfen. Niemand wusste, wie viele private Blumenzüchter sich überhaupt darum bemüht hatten, eine so schwer zu kultivierende Blume zu ziehen ? alles war möglich, von einem einzelnen bis hin zu mehreren hundert Blumenfans, die Zugang zu Samen oder Pflanzen hatten. Die konnten entweder privat gekauft oder über den Postweg von einem anderen Züchter oder jedem beliebigen botanischen Garten in Europa bestellt werden. Man konnte sie sogar direkt von einer Australienreise mitbringen. Mit anderen Worten: Unter den Millionen von Schweden, die ein kleines Gewächshaus oder auch nur einen Blumentopf im Wohnzimmerfenster hatten, ausgerechnet diesen einen Züchter herauszufinden, war ein hoffnungsloses Unterfangen. Diese Blume war nur eines der vielen rätselhaften Exemplare, die jedes Jahr am 1. November in einem gefütterten Umschlag eintrafen. Jedes Jahr war es eine andere Art, aber es waren stets schöne und meistens relativ seltene Blumen. Wie immer war die Blume gepresst, sorgfältig auf Aquarellpapier gelegt und hinter Glas in einem einfachen Rahmen mit dem Format 29 x 16 Zentimeter befestigt worden. Das Geheimnis um die Blumen war den Massenmedien oder der Allgemeinheit nie bekannt geworden, sondern nur einem ausgewählten Kreis. Vor drei Jahrzehnten war das jährliche Eintreffen der Blume Gegenstand von Analysen des Staatlichen Kriminaltechnischen Laboratoriums gewesen; Experten für Fingerabdrücke und Grafologen, Ermittler und ein paar Verwandte und Freunde des Empfängers hatten sich mit dem Rätsel beschäftigt. Nun bestand der Kreis der Akteure nur mehr aus drei Personen: dem alternden Geburtstagskind, dem pensionierten Polizisten und natürlich dem Unbekannten, der das Geschenk geschickt hatte. Da sich zumindest die beiden Erstgenannten bereits in einem so respektablen Alter befanden, dass es Zeit wurde, sich auf das Unausweichliche vorzubereiten, würde sich der Kreis der Interessierten bald noch verkleinern. Der pensionierte Polizist war ein mit allen Wassern gewaschener Veteran. Er würde niemals seinen ersten Einsatz vergessen, bei dem er einen gewalttätigen und schwer betrunkenen Anlagenmechaniker festgenommen hatte, bevor dieser sich selbst oder anderen weiteren Schaden zufügen konnte. Im Laufe seiner Karriere hatte er Wilderer, prügelnde Ehemänner, Betrüger, Autodiebe und angesäuselte Autofahrer eingesperrt. Er war Einbrechern, Räubern, Dealern, Sexualverbrechern und mindestens einem mehr oder weniger geisteskranken Sprengstoffattentäter begegnet. An neun Ermittlungen in Mord- beziehungsweise Totschlagsfällen war er beteiligt gewesen. Davon waren fünf so verlaufen, dass der Täter selbst die Polizei angerufen und voller Reue gestanden hatte, er habe seine Frau oder seinen Bruder oder einen anderen ihm nahe stehenden Menschen getötet. Von den Morden wurden zwei nach ein paar Tagen aufgeklärt und einer nach zwei Jahren mit Hilfe der Reichskrimininalbehörde. Der neunte Fall war aus polizeilicher Sicht gelöst, sprich, die Ermittler kannten den Mörder, aber die Beweislage war so unsicher, dass der Staatsanwalt beschlossen hatte, den Fall ruhen zu lassen. Die Angelegenheit wurde dann zur Erbitterung des Kommissars für verjährt erklärt. Aber im Großen und Ganzen konnte er auf eine erfolgreiche Karriere zurückblicken und hätte mit seiner Arbeit zufrieden sein können. Doch er war alles andere als zufrieden. Für den Kommissar steckte Der Fall mit den Gepressten Blumen in seinem Berufsleben wie ein kleiner Stachel, den er einfach nie hatte entfernen können ? ein frustrierender Fall, dessen Lösung immer noch ausstand, obwohl er ihm, verglichen mit anderen Fällen, doch am meisten Zeit gewidmet hatte. Die Situation war umso komplizierter, da er nach buchstäblich Tausenden von durchgrübelten Stunden während und außerhalb seiner Dienstzeiten nicht einmal mit Sicherheit sagen konnte, ob überhaupt ein Verbrechen begangen worden war. Wie die beiden Männer wussten, hatte die Person, die die Blumen gepresst und gerahmt hatte, Handschuhe getragen, denn weder auf dem Rahmen noch auf dem Glas waren Fingerabdrücke zu finden. Sie wussten, dass es unmöglich war, den Absender aufzuspüren. Sie wussten, dass man solche Rahmen in Fotoläden oder Schreibwarengeschäften auf der ganzen Welt kaufen konnte. Es gab einfach keine Spur, der die Ermittler hätten folgen können. Und die Poststempel wechselten ständig: Meistens kamen sie aus Stockholm, je zweimal aus Paris und Kopenhagen, je einmal aus Madrid, Bonn sowie ? was sicherlich das größte Rätsel war ? aus Pensacola, USA. Im Gegensatz zu den anderen Namen war Pensacola so unbekannt, dass der Kommissar die Stadt in einem Atlas nachschlagen musste. Nachdem sie sich verabschiedet hatten, blieb der zweiundachtzigjährige Jubilar eine Weile ganz still sitzen und betrachtete die schöne, aber bedeutungslose Blume, von der er noch nicht einmal den Namen kannte. Dann hob er den Blick zur Wand über seinem Schreibtisch. Dort hingen dreiundvierzig gepresste Blumen hinter Glas in ihren Rahmen; vier Reihen mit jeweils zehn Blumen und eine noch nicht abgeschlossene Reihe mit fünf. In der obersten Reihe fehlte eine. Platz Nummer zehn war ebenfalls leer. Desert Snow würde die Nummer vierundvierzig werden. Zum ersten Mal geschah aber etwas, was das Muster der früheren Jahre durchbrach. Ganz plötzlich und ohne jede Vorwarnung begann er zu weinen. Er wunderte sich selbst über diesen jähen Gefühlsausbruch nach fast vierzig Jahren. 20. Dezember bis 3. Januar 1. Kapitel Freitag, 20. Dezember Der Prozess war unbestreitbar vorüber, und alles, was es zu sagen gab, war bereits gesagt worden. Er hatte keine Sekunde daran gezweifelt, dass er verurteilt werden würde. Das schriftliche Urteil war am Freitagmorgen um zehn Uhr ergangen, und nun stand nur noch der abschließende Bericht der Reporter aus, die im Korridor vor dem Gerichtssaal warteten. Mikael Blomkvist sah sie durch die geöffnete Tür und zögerte kurz. Er wollte den Urteilsspruch, der gerade über ihn verhängt worden war, nicht diskutieren, aber die Fragen waren unvermeidlich, und wenn irgendjemand wusste, dass sie gestellt und beantwortet werden mussten, dann er. So fühlt es sich also an, ein Verbrecher zu sein, dachte er. Auf der falschen Seite des Mikrofons zu stehen. Er streckte sich verlegen und versuchte, sich ein Lächeln abzuringen. Die Reporter lächelten zurück und nickten ihm freundlich, fast ein wenig verschämt zu. »Mal sehen ? Aftonbladet, Expressen, TT, TV4 und ? wo bist du denn her ? ach ja, Dagens Industri. Ich muss berühmt geworden sein«, stellte Mikael Blomkvist fest. »Geben Sie uns ein Statement, Kalle Blomkvist«, sagte der Reporter der einen Abendzeitung. Mikael Blomkvist, dessen vollständiger Name Carl Mikael Blomkvist lautete, unterdrückte den Impuls, die Augen zu verdrehen, wie immer, wenn er seinen Spitznamen hörte. Vor zwanzig Jahren, als er im Alter von dreiundzwanzig gerade seine Journalistenkarriere mit einer ersten Vertretung begann, hatte Mikael Blomkvist ? eigentlich ohne eigenes Verdienst ? eine Bankräuberbande hochgehen lassen, die innerhalb von zwei Jahren fünf aufsehenerregende Dinger gedreht hatte. Dass es in allen Fällen dieselbe Bande war, stand völlig außer Zweifel; ihre Spezialität bestand nämlich darin, in kleinen Gemeinden aufzutauchen und dort mit militärischer Präzision eine oder zwei Banken auf einmal zu überfallen. Sämtliche Beteiligte trugen Walt-Disney-Masken aus Gummi und wurden mit nicht ganz abwegiger Polizeilogik auf den Namen »Donald Duck-Bande« getauft. Die Zeitungen änderten diesen Namen in »Die Panzerknacker«, was ein bisschen ernsthafter klang und dem Umstand Rechnung trug, dass die Bande bei zwei Überfällen planlos und ohne jede Rücksicht Warnschüsse abgefeuert und Passanten oder neugierige Gaffer mit der Waffe bedroht hatte. Den siebten Coup landete sie in Östergötland mitten im Hochsommer. Ein Reporter vom Lokalradio hatte sich rein zufällig in der Bank aufgehalten, als der Überfall stattfand, und zeigte eine Reaktion wie aus dem Diensthandbuch für Journalisten. Sowie die Täter die Bank verlassen hatten, ging er zu einer Telefonzelle vor der Bank, rief seinen Sender an und gab die Nachricht live durch. Mikael Blomkvist hatte damals eine Weile als Vertretung bei einer Lokalzeitung gearbeitet und verbrachte gerade mehrere Tage mit einer weiblichen Bekannten im Sommerhäuschen ihrer Eltern in der Nähe von Katrineholm. Wie er eigentlich auf die Querverbindung zwischen seinen Beobachtungen und dem Fall gekommen war, konnte er selbst nicht sagen, als ihn die Polizei befragte. Aber als er die Nachrichten hörte, fielen ihm sofort die vier Typen ein, die in einem zirka hundert Meter entfernten Sommerhäuschen wohnten. Ein paar Tage zuvor, als er auf dem Weg zum Eis-Kiosk mit seiner Freundin bei ihnen vorbeigegangen war, hatte er sie im Garten Federball spielen sehen. Alles, was er gesehen hatte, waren vier blonde, durchtrainierte junge Männer in Shorts mit nacktem Oberkörper gewesen. Ganz offensichtlich betrieben sie Bodybuilding, und irgendetwas an diesem Bild mit den vier Federball spielenden jungen Männern hatte ihn ein zweites Mal hinsehen lassen ? vielleicht, weil sie sich ihr Match in gnadenloser Sonnenglut lieferten, mit einer gewaltsam konzentrierten Energie, wie er fand. Irgendwie sah das Ganze nicht nach harmlosem Zeitvertreib aus. Es gab keinen rationalen Grund, sie für Bankräuber zu halten, aber trotzdem war er zu einen Spaziergang aufgebrochen und hatte sich auf einen Hügel gekauert, von dem aus er ihre Hütte im Blick hatte. Nach ungefähr vierzig Minuten kam die Clique in einem Volvo angefahren und parkte den Wagen auf dem Grundstück. Sie schienen es eilig zu haben, und jeder von ihnen schleppte eine Sporttasche, was an und für sich nichts bedeuten musste, denn sie konnten ja genauso gut irgendwo beim Baden gewesen sein. Aber einer von ihnen ging noch einmal zum Auto zurück und holte einen Gegenstand heraus, den er schnell mit einer Sportjacke verhüllte. Sogar von seinem relativ weit entfernten Beobachtungsposten aus konnte Mikael feststellen, dass es sich um eine ziemlich alte AK4 handelte, genau den Typ Gewehr, der vor nicht allzu langer Zeit während des einjährigen Wehrdienstes sein ständiger Begleiter gewesen war. Er rief also die Polizei an und erzählte ihnen von seiner Beobachtung. Das war der Auftakt zu einer drei Tage dauernden, von den Medien intensiv verfolgten Belagerung des Sommerhäuschens gewesen. Mikael stand im Rampenlicht und erhielt ein großzügig bemessenes Freelancer-Honorar von einer der beiden Abendzeitungen. Die Polizei richtete ihr Hauptquartier nämlich in einem Wohnwagen ein, der auf dem Grundstück des Sommerhäuschens stand, in dem Mikael wohnte. Der Fall mit den »Panzerknackern« verschaffte Mikael genau den Starstatus, den er als junger Journalist in der Branche benötigte. Die Kehrseite des Ruhmes war, dass die andere Abendzeitung es sich nicht verkneifen konnte, mit »Kalle Blomkvist hat den Fall gelöst« zu titeln. Der spöttische Text stammte von einer ältlichen Kolumnistin und enthielt ein Dutzend Verweise auf Astrid Lindgrens kleinen Detektiv. Obendrein hatten sie noch ein grobkörniges Foto abgedruckt, auf dem es so aussah, als würde Mikael einem uniformierten Polizisten mit erhobenem Zeigefinger irgendwelche Anweisungen erteilen. Dabei hatte er ihm nur den Weg zum Plumpsklo beschrieben. Es spielte keine Rolle, dass Mikael Blomkvist seinen ersten Namen, Carl, niemals verwendet und auch keinen Artikel jemals mit Carl Blomkvist unterzeichnet hatte. Von diesem Moment an war er zu seiner Verzweiflung bei den Kollegen als Kalle Blomkvist bekannt ? ein Spitzname, den man spöttisch stichelnd benutzte, nicht unfreundlich, aber auch nicht wirklich freundlich. Nichts gegen Astrid Lindgren ? er liebte ihre Bücher, aber er hasste seinen Spitznamen. Es brauchte mehrere Jahre und weitaus gewichtigere journalistische Verdienste, bis sein Spitzname langsam in Vergessenheit geriet. Trotzdem zuckte er immer noch zusammen, wenn dieser Name in seiner Anwesenheit fiel. So wie in diesem Moment. Er zwang sich zu einem Lächeln und sah dem Reporter der Abendzeitung in die Augen, der sagte: »Ach, komm, denk dir doch einfach was aus. Du dichtest dir deine Texte doch immer zusammen.« Der Ton war nicht unfreundlich. Sie waren ja alle mehr oder weniger miteinander bekannt, und außerdem waren Mikaels schlimmste Kritiker gar nicht erst aufgetaucht. Mit einem von ihnen hatte er früher zusammengearbeitet, und auf einem Fest vor ein paar Jahren wäre es ihm beinahe gelungen, eine andere aufzureißen ? eine Mitarbeiterin von TV4. »Sie haben ja ganz schön was auf die Nase bekommen da drinnen«, kam es von Dagens Industri ? ganz offensichtlich hatten sie eine junge Sommeraushilfe geschickt. »Tja, das muss man wohl so sagen«, gab Mikael zu. Etwas anderes konnte er schlecht behaupten. »Wie fühlt sich das an?« Trotz der ernsten Lage konnten es sich weder Mikael noch die älteren Journalisten verkneifen, bei dieser Frage den Mund zu verziehen. Mikael tauschte einen Blick mit TV4. Wie fühlt sich das an? Das war nach der einhelligen Meinung aller seriöser Journalisten die Standardfrage, die bescheuerte Sportreporter hinter der Ziellinie atemlosen Sportlern stellten. Aber dann wurde er gleich wieder ernst. »Ich kann natürlich nur bedauern, dass das Gericht nicht zu einem anderen Urteil gekommen ist«, antwortete er förmlich. »Drei Monate Haft und 150 000 Kronen Schadenersatz sind eine empfindliche Strafe«, sagte die Journalistin von TV4. »Ich werd?s überleben.« »Werden Sie Wennerström um Entschuldigung bitten? Ihm die Hand geben?« »Nein, das glaube ich kaum. Meine Meinung zu Herrn Wennerströms Geschäftsmoral hat sich nicht nennenswert geändert.«
Kritik
"Vielschichtige Protagonisten und eine furchtbare Wahrheit verdichten sich zu einem packenden Page-Turner."